We will rock you

Selten bin ich auf so wenige Rucksackreisende und Touristen getroffen wie hier in Timaru. In den beiden großen Reiseführern wird die Stadt als nicht sehenswert eingestuft, deswegen gibt es auch nur zwei Hostels, die dazu noch recht schlecht bewertet sind. Auch gibt es keine Viecherkolonie oder Funsportarten, weswegen Leute hierherkommen würden. Mit einem Wort, ich fühle mich wohl hier, weil mir alles etwas natürlicher vorkommt – ein unverfälschteres, greifbareres neuseeländisches Altagsleben eben. Deswegen habe ich mich auch entschlossen Silvester hier zu verbringen. Vor fünf Wochen war ich bereits schon einmal hier und habe sogar wieder das gleiche Bett. Wie der Zufall will, ist auch gerade ein kleines Volksfest und abends ab 18:30Uhr spielt täglich eine andere Band. Etwas anders als bei uns ist dieses Volksfest schon. Größter Unterschied, es darf kein Alkohol getrunken werden! Vor dem Betreten des Geländes steht ein Schild, welches einen darauf hinweist.

Kein Bier erlaubt

Zu essen gibt es Hod Dog ohne Brötchen, dafür paniert und aufgespiest auf einen Holzstab. Keinen Holzstab hat dafür die Zuckerwatte, diese gibt es im Beutel.
Viele Fahrgeschäfte sehen aus als wären sie aus den 70er Jahren und sind es wahrscheinlich auch. Bei uns in Deutschland hätte diese der TÜV schon lange aus dem Verkehr gezogen. Aber sie fahren noch, wie man sieht.

In einer Ecke wird Bingo gespielt und was mich überrascht, es sind auch junge Leute dabei. Wenn man Jugendliche auf dem Festplatz laufen sieht, haben die meisten ihren Kragen hochgekrempelt, das scheint hier zur Zeit Mode zu sein.
Und dann ist es schon soweit. Die Band fängt zu spielen an, ich suche mir einen Platz und lausche. Mir gehen Bilder durch den Kopf und ich muss an die vielen Gelegenheiten denken, bei denen ich zusammen mit Euch auf dem Boden kniete und wir „We will rock you“ sangen, bei der Migrationsfeier Delmora, bei den Rot Kreuz Zeltlagern, bei den letzten Silvesterabenden oder Faschingsveranstaltungen. Es war immer schön mit Euch.

We will rock you

Um 0Uhr wird es hier auf dem Festplatz in Timaru ein großes Feuerwerk geben, welches das neue Jahr einläutet. Ich schließe meinen Blog für dieses Jahr mit ein paar Zeilen aus Dietrich Bonhoeffer Gedichts:

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

Euch Allen einen guten Rutsch! 🙂

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Spiegelsee

Am Franz Josef Gletscher war ich das letzte Mal, als ich hier vorbei kam. Heute gehe ich zum Fox Gletscher. Sie sind 30km von einander entfernt. Mein Weg führt mich diesmal nicht durch ein weites Tal, sondern über einige kleine Flüsse. Der größte scheint direkt am Fuße des Gletscher zu entspringen. Nicht weit entfernt befindet sich Lake Matheson, in dem sich beide Gletscher spiegeln, doch heute ist es leider zu bewölkt. In Wanaka tanke ich im späten Nachmittag und kaufe ein, den auf dem Weg zum Mount Cook wird es keine Gelegenheit dazu geben. Ich fahre so lange bis ich keine Lust mehr habe und suche mir eine geeignete Stelle, wo ich die Nacht mit meiner Ema verbringen kann. Der Ausblick ist nicht schlecht und es kommen auch nur wenige Autos vorbei.

Nette Kulisse zum einschlafen

Um 7Uhr breche ich auf, trinke in Omarama einen Filterkaffee und erreiche bald Mount Cook. Er ist schneebeladen, doch gerade sehr hoch sieht er von hier unten nicht aus, obwohl er ganze 3754 m hoch ist.
Nur 50km weiter komme ich zum Lake Tekapo. Ruhig liegt er da und an seinem Ufer steht eine kleine, alte Kapelle.

Kleine Kapelle am Lake Tekapo

Weihnachtswunder

Na was ist den das? Ich werde verrückt! Ich dachte jetzt nach dem Gottesdienst schaue ich kurz nochmal in den Postkasten von Jo, da ich eh schon mal hier bin und heute mittag nicht dazu kam. Da erreicht mich doch am 24. Dezember mein Geburtstagspäckchen, welches in Deutschland am 4. Oktober abgesendet wurde und bisher als unauffindbar galt. Das ist ja fast wie Weihnachten und Geburtstag zusammen 😉 Ich nehme es aus dem Kasten. Im Hostel angekommen öffne ich es und breite die Geschenke zusammen mit meinen Weihnachtsgeschenken auf meinen Bett aus. Kein Wunder, dass einige der anderen Gäste neidisch werden, als ich anfange eines nach dem anderen auszupacken. Für meine Ema bekomme ich Wackel den Dackel geschenkt. Ich freu mich wie ein Honigkuchen.
Am alten Holztisch in der Küche bastelt jeder, was ihm weihnachtliches in den Sinn kommt, ich entscheide mich für eine Orange mit Nelken, welche man aufhängen kann.

Meine gebastelte Orange

Am Abend sitzen wir alle im warmen Kaminzimmer, quatschen und trinken ein gutes Glas Rotwein.
Der erste Weihnachtsfeiertag beginnt regnerisch, ich sehe mir morgens nochmal in Ruhe meine Geschenke an und fahre dannach mit 3 Mädels an den Strand um dort einen Spaziergang zu machen. Nachmittags fange ich an „Pu der Bär“ zu lesen, der auch im Packet war. Le Bons Bay ist das erste Hostel in Neuseeland welches ich kennen gelernt habe, in dem ein Abendessen gegen Aufpreis angeboten wird. Da die Hosteleltern heute in den Urlaub gefahren sind kochen alle Hostelgäste zusammen und da der Himmel abends nochmal einmal aufreist, können wir draußen in großer Runde essen.

Was kann schöner sein

Schon am frühen Morgen scheint am 2. Weihnachtsfeiertag die Sonne. Ich packe meine Badehose ein und verschwinde an den Strand. Das Wasser ist zwar noch frisch, aber um ein paar Bahnen zu ziehen reicht es allemal. So voll wie heute habe ich den Strand von Le Bons Bay noch nie gesehen, viele fahren mit ihrem Boot raus, Kinder spielen im Sand Ball oder veranstalten Wettrennen.
Im späten nachmittag lege ich mich im Hostel in die Hängematte und höre über meinen MP3 Player, welcher für meinen Geburtstag gedacht war, Orgelmusik von Roland Rank mit Kommentaren von Otto Knopf dazwischen.
Am nächsten Morgen steht der große Abschied bevor. Besser hätte ich es über die Weihnachtsfeiertage mit dem Hostel nicht treffen können, als mit diesem hier in Le Bons Bay. Die Leute waren sehr nett, es war eine gute Gemeinschaft und das Essen super lecker, mit Hummer und anderen Meeresfrüchten am Heilig Abend.
Für heute habe ich mir etwas Besonderes hier in Neuseeland aufgehoben – die Fahrt von der Ostküste über den Arthurs Pass an die Westküste.

Von Küste zu Küste

Der Pass führt über die Neuseeländischen Alpen und ich lerne die Keas kennen, welche nur zu gerne Autogummi knappern.
Über Nacht stoppe ich im Hostel „The Old Church“ und lerne dort Rudi einen sehr sympatischen Niederbayern aus Landshuts kennen, der schon seit drei Jahren in Neuseeland lebt und in Christchruch als Programmierer arbeitet. Zusammen mit seiner Freundin und einem Pärchen aus Kanada hören wir um Abend alte Langspielplatten an und wechseln uns ab, wenn sie wieder einmal hängen bleiben.

Das fliegende Klassenzimmer

Schön wieder in Le Bons Bay angekommen zu sein. Hier ist mir alles vertraut. Nur kein Wasser gibt es und ich weis nicht warum. Der Tank auf der Kuhweide ist voll, gerade habe ich dies kontrolliert. Ich muss wohl auf morgen warten, was Alf dazu sagt. Meine Packete sind auch in der Zwischenzeit hier eingetroffen, worüber ich mich sehr freue, da mein Geburtstagspacket von Oktober immer noch verschollen ist. Am nächsten Morgen stehe ich früh auf und mähe den Rasen. Alf kommt um 10Uhr und zu zweit fahren wir auf einen alten Zeltplatz, wo es einige Arbeit zu erledigen gibt. Wir beginnen damit eine alte Holzhütte abzureisen. An der Hinterwand finden wir ein altes Bienenvolk, wovon noch die Wachswaben erhalten sind. Nachmittags bringe ich Alf zu Jo´s alten Traktor, den er wieder zum laufen bringen soll. Da er nicht anspringt, schickt mich Alf mit seinem Auto zurück zur Farm um einen kleinen Laster zu holen, mit dem wir den Traktor abschleppen können.

Alf repariert Jos alten Traktor

Ein Tag folgt auf den anderen, einmal helfe ich Alf im Garten, das andere mal treibe ich die Kühe von einer weiter entfernten Weide her zum Haus. Als ich in Neuseeland ankam hatte ich noch etwas Schiss vor den rießen Viechern, doch jetzt weis ich mit ihnen umzugehen und wenn ich sie vor mir hertreibe haben sie meist mehr Angst vor mir, als ich vor ihnen. Eine entkommt mir in Nachbars Garten, doch ich hole sie zurück.
Wasser wird es vor Freitag nicht geben, da der Heizkessel defekt ist. Morgens kommt ein Klempter, doch da ein benötigtes T Verbindungsstück fehlt und es dies in Akaroa nicht gibt, wird es auch nichts mit dem Wasser. Der ganze Freitag ist total verregnet und es stürmt. Während ich auf dem Sofa sitze kommt mir eine geniale Idee – ich mache meine Packete auf, also nicht die Geschenke sondern nur die Packete an sich. Im ersten finde ich lauter feine Nascherei. Als ich das zweite aufmache, erwartet mich eine böse Überraschung – das Packet wurde vom Zoll geöffnet und ein Brief liegt bei, das etwas entnommen wurde. Ein kleiner Weihnachtsbaum, wegen der Tannenzapfen die daran befestigt waren. Wenigstens die Lichterkette haben sie nicht behalten. Im Schreiben wird erklärt ich könnte den Baum für 25Euro auf über 120Grad erwärmen lassen – dannach würde wohl nur noch ein Plastikklumben übrig bleiben, oder ich lasse den Baum für 35Euro zurück nach Deutschland schicken. Ich entscheide mir für Option drei – die Vernichtung.
Da es immer noch regnet und stürmt, beschließe ich einen Tag vor dem Heiligen Abend schon eines meiner Weihnachtsgeschenke zu öffnen. Ich entscheide mich für eines, das verdächtig nach einem Buch aussieht, öffne es und finde „Das fliegende Klassenzimmer“. Mensch wie ich mich freue. Ich zünde mir eine Kerze an und beginne zu lesen.

...in einem lese ich das geniale Buch durch

Um mich verschwimmt der Raum und ich fühle mich als wäre ich selbst in Kirchberg beim Nichtraucher, Justus, Jonathan Trotz, Martin Taler und wie sie alle heißen. In einem lese ich es durch und als ich damit fertig bin sehe ich nach draußen. Es ist der 23. Dezember es wird schon finster und morgen werde ich zum feiern ins Le Bons Bay Hostel gehen.
Am Morgen ist alles schnell zusammengeräumt, ich kehre raus und verschaffe den Müll. Schon als ich den ersten Schritt ins Hostel mache kommt mir eine wohlige Wärme entgegen, im Kamin knistert ein Feuer und auf dem Sofa in der Ecke liegt ein alter, fauler Kater zu dem ich mich gleich dazusetze.
Ich lerne Karla, Katharina und Susanne kennen, die gerade beim Weihnachtsplätzchen backen sind. Beim Aufwaschen helfe ich und die drei lassen mich dafür auch von ihren leckeren Plätzchen versuchen.

Weinachtsplätzchen in Neuseeland

Um 16Uhr werden wir uns alle zusammenfinden, miteinander kochen und anschließend Heilig Abend in großer Gemeinschaft verbringen. Um 19Uhr gehe ich mit Karla und Susanne zum Gottesdienst in Le Bons Bay, worauf ich mich schon sehr freue.
Euch allen wünsche ich wunderschöne Weihnachtstage.

Frohe Weihnachten Euch allen!

Ema und Hugo

Jemand klopft an mein Autofenster. Langsam öffne ich mein rechtes Auge und schiele nach draussen. Ich erkenne Richard, den Besitzer der Kirschplantage, mache die Tür auf und wünsche einen guten Morgen. Es ist 6Uhr und Richard fragt mich, wann ich heute am Freitag abreisen will. Er überrascht mich mit dem Angebot, das wir alle zusammen auf seinem Boot eine Fahrt durch die Marlborough Sound machen könnten, da das Pflücken flach fällt.
Als ich kurze Zeit später die anderen informieren, sind sie begeistert. Wir machen uns auf ins 30km entfernte Havelock, welches ich schon von meiner Glühwürmchenwanderung kenne.

sieben Mann/Frau auf einem Boot

Einige Jahre hat die Endeavour III schon auf dem Buckel, doch für uns alle ist sie einfach ein herrliches, kleines Schiff. Es gibt eine winzige Küche, und weiter unten einige Kojen.
Die Marlborough Sound sind einge der schönsten Gegenden auf der Südinsel und kommen in der Beliebtheit vielleicht gleich nach dem Milford Sound. Ich lehne mich zurück und lasse mir den Wind um meine Ohren blassen.

Entspannen von den letzten harten Tagen

In einer einsamen Bucht stoppt Richard und wirft den Anker. Wir ziehen alle unsere Badesachen an und springen vom Dach des Bootes ins kühlende Nass. Wunderbar ist es hier zu schwimmen, das Wasser ist nicht kalt und hat eine tolle Färbung. Ich schwimme an Land und wieder zurück. Flo holt mit einer Tasche Grünlippenmuscheln und Austern von einem Felsen, die wir am Abend in Weisweinsosse garen werden.
Nach einiger Zeit klettern wir zurück an Bord, wo Sandra und Lusie schon das Mittagessen mit Wein, Käse und herzhaften, selbstgemachten Kuchen von Richards Frau, vorbereitet haben.

Einfach nur lecker

Alles schmeckt super lecker. Nachdem ich meine zweite Portion verputzt habe, lege ich mich etwas hin und halte Siesta. Diesen Tag werde ich so schnell nicht vergessen.
Am Abend als wir wieder zurück auf Richard Kirschplantage lasse ich meinen Blick noch einmal über das weite Geländer schweifen. Die letzten zehn Tage haben mir wieder viele neue Erfahrungen gebracht.
Zum Abschied schenken mir die zwei Prager einen Plüsch Mond, welchen ich Hugo taufe. Da es nicht angehen kann, das nur er einen Namen bekommt, wird mein Auto ebenfalls getauft. Es soll nun auf den Namen Ema hören. Schon viel habe ich jetzt mit meiner Ema durchgemacht hier in Neuseeland.

Kurz bevor die Sonne untergeht

Mein nächstes Ziel ist St. Arnaud an den Nelson Lakes. Hier habe ich erstmal einen halben Tag damit zu tun meine Wäsche der letzten 10 Tagen zu waschen. Nachmittags gehe ich im Lake Rotoiti schwimmen.
Wie schön ist es nach über einer Woche wieder in einem normalen Bett zu schlafen. Leider ist am 4. Advent hier in St. Arnaud kein Gottesdienst, so fahre ich weiter nach Murchison. Zwischendurch lege ich noch einen Stopp am Lake Rotoroa ein.

Frueh am Morgen Lake Rotoroa

Den Gottesdienst in Murchison besuchen an diesem 4. Advent nur 12 Personen. Ich werde sehr freundlich aufgenommen und frage gleich anfangs, wo ich den das Vater Unser im Gesangsbuch finden würde. Sie legen mir zur liebe eine Overheadfolie auf, da nur das Glaubensbekenntnis im Buch steht. Nach dem Gottesdienst werde ich noch auf einen Tee und Gebäck ins Gemeindezentrum eingeladen. Es entwickeln sich so interessante Gespräche, das ich bis 12:30Uhr bleibe.
Ungepalnt halte ich in Maruia Springs an und besuche die dortigen Schwefelquellen, in denen man baden kann. Auch ein japanisches Badehaus für Männer gibt es. Vor dem Eingang steht in dicker Schrift, man darf das Badehaus nur nackt bedrehten, da dies so in Japan Sitte ist. Ich halte mich daran und betrete das Badehaus. Es sind auch einige Japaner anwesent, nur hat jeder von denen eine Badehose an. So setze ich mich eben zwischen sie und wir tauschen uns über unsere Reiserouten aus.
Mein heutiges Ziel ist Hammer Springs, welches seine heissen Qullen kommerzieller vermarktet, aber ebenfalls ein entspanntes Flair bietet. Am Nachmittag treffe ich mich wieder mit Yvonne auf einen Kaffee, die ich zusammen mit ihren Eltern in Kaikoura getroffen hatte. In den Strassen Qxfords sind wie vieler Orts die Ladenfenster durch weihnachtliche Malerei verschönert.

Abends sehe ich mir im Kino Narnia – The Lion, The Witch, and The Wardrobe an, bin aber nicht sonderlich begeistert.
Nachdem ich eine weitere Nacht mit meiner Ema verbracht habe komme ich früh morgens in Christchurch an. Seit drei Wochen hat sich hier auch einiges verändert, die Stadt hat sich noch mehr weihnachtlich geschmückt und auf der Kathrdrale steht nun eine Krippe.

Heute nachmittag werde ich nach Le Bons Bay zurückkehren. Ich freue mich schon die CD mit Jazz Musik zu starten und einen heissen Tee auf dem Sofa zu trinken.

Waschen im Fluss

Mir wird nur ein leises Lächeln zugeworfen, nach meiner Frage, ob Sonntag hier auch gearbeitet wird auf der Plantage. So stehe ich am 3. Advent 2005 zu früh um 6Uhr auf, fange um 7Uhr Kirschenpflücken an, lasse die Mittagspause aus, da es nach Regen aussieht und viele Kirschen bis dahin gepflückt sein müssen. Um 17:30Uhr sind wir mit dem Plücken fertig, essen schnell etwas, denn um 18Uhr sollen wir im Packhaus arbeiten. Als wir am Packhaus ankommen, bekommen wir eine kurze Einführung, wie die Kirschen am Fliessband ausgelesen werden müssen und fangen an. Während ich die Kirschen so schnell wie möglich in die verschiedenen Kategorien versuche einzuteilen, muss ich daran denken, dass andere Menschen dies hier ihr ganzes Leben machen müssen und ich es aus freiem Willen mache, auch wenn es mir gerade in dem Moment nicht einfach fällt. Um 23:30Uhr spielen meine Augen auf einmal verrückt, das Fliesband scheint still zu stehen, dafür bewegt sich alles aussen herum. Ich weis ja, dass es nur eine optische Täuschen sein kann, doch auch nachdem ich meine Augen geschlossen und wieder aufgemacht habe, hat sich nichts an meinem Blick geändert. Ich muss wohl übermüdet sein. Um 0:30Uhr ist endlich mein Arbeitstag vorbei und so schnell werde ich diesen Adventsonntag 2005 wohl nicht vergessen.
Am nächsten Tag regnet es, alle anderen gehen wieder ins Packhaus, doch ich beschließe einfach nicht hinzugehen, sondern ins Hallenbad nach Blenheim um mich dort nach 5 Tagen endlich wieder einmal duschen und rassieren zu können. Eine bessere Entscheidung hätte ich nicht fällen können, ich genieße den Vormittag, den Nachmittags geht es wieder auf den Weinberg Drähte nachspannen. Inzwischen habe ich darin schon etwas Übung und zusammen mit den zwei Pragern schaffen wir allerhand Reihen. Die Kunst dabei ist, so wenige Weinstauden wie möglich zu verletzen. Es gibt zwei Drähte und 5 Nägel und je nachdem, wie hoch die Pflanze schon ist, müssen die Drähte ausgehängt und hochgespannt werden. Dabei legt man sich mit seinem Körpergewicht nach hinten, zieht dabei an dem Draht, geht in die Knie und versucht soviele Triebe wie möglich dabei zu erwischen.

Wirelifting

Die nächsten Tage wechseln sich Arbeit auf dem Weinberg, Kirschenpflücken und abends Auslesen von Krischen im Packhaus ab. Nachdem ich mir durchkalkuliert habe, wieviel Geld ich hier verdiene und mich entschieden unterbezahlt finde, beschließe ich dem Besitzer zu sagen, dass ich nur noch bis Freitag hier bleiben werde – schon allein weil ich wenigens den 4. Advent nicht wieder durcharbeiten will.
Da unsere sauberen Klamotten langsam zu Neige gehen und wir auch wieder ein Vollbad nötig haben, fahren wir in der Mittagspause zum nahe gelegenen Fluss um dort die Wäsche und uns zu waschen. Etwas Überwindung kostet es mich schon einzutauchen, doch danach genieße ich mit den zwei Pragern das kühle Naß.

Etwas frisch ist es schon

Am folgenden Tag ist wöchtentlicher Zahltag, ich bekomme einen Scheck, der ungefähr so hoch ausgestellt ist, wie ich es mir vorher schon ausgerechnet hatte.
Zusammen mit den zwei Pragern, Flo und Franzi aus Apolda in Thüringen und Sandra aus Leipzig kaufen wir frischen Fisch und machen dazu Reis und Tomaten-Zwiebel Gemüse.

fricher Fisch

Wie jeden Abend richte ich mir mein Autobett her. Es ist komfortabler als man es sich vorstellt. Ich lege den Sitz zurück, lege ein Kissen und eine kleine Decke in den Schlitz, darüber kommt dann meine Doppelbettdecke, welche ich in der Mitte falte um mich schön einmummeln zu können. Vor dem Einschlafen lese ich seit einiger Zeit ein Buch über Weihnachtswunder und wenn es zu dunkel zum Lesen wird sehe ich mir den Sternenhimmel an.

Ich köntte ewig da liegen und zum Himmel sehen...

Kirschenpfluecker Nr. 74

73 Kilogramm Kirschen habe ich heute gepflueckt, ich stehe seit 11Stunden auf der Leiter und nach einem weiteren Kilo hoere ich fuer heute auf. Fuer ein Kilo gibt es 1,10Dollar, wovon noch die Steuer abgeht. Am Ende bleiben mir umgerechnet vielleicht 35Euro fuer diesen Tag.

Ein Blick in meinen Pflueckkorb, waehrend ich auf der Leiter stehe

Meine Finger tun weh. Aber zumindest habe ich heute schon um einiges mehr geschafft, als an meinem ersten Tag gestern. Diese Arbeitsstelle zu finden war gar nicht so einfach, doch im letzten Hostel sah ich am Schwarzen Brett eine Anzeige, rief an und konnte anfangen. Durch Zufall waren auch zwei Prager im Hostel die hier Kirschen pfluecken – Petr und seine Freundin Lucie, mit denen ich mich super verstehe. Der Besitzer Richard lasst uns hier auf seinem Gelaende campen, da im Hostel kein Bett mehr zu bekommen war. Mit den zwei Pragern spasse ich, dass wir uns dadurch nochmal 20Dollar pro Tag sparen.
An sich waere das Pfluecken von der Denkleistung her nicht schwer, doch man muss immer peinlich darauf achten, nur tief rote zu pfluecken, was manhchmal gar nicht so einfach ist, wenn am Baum einfach lauter Helle haengen.
Soviele Kirschen wie hier habe ich in meinem Leben noch nicht gegessen. Immer wenn eine Kirsche nicht dunkel genug ist, wird sie verspeisst. Irgendetwas rauscht mir im Kopf umher, dass man nicht Kirschen essen und darauf Wasser trinken soll. Doch da es sehr heiss ist, trinke ich genuegend und merke keine negetiven Nebenwirkungen.
Endlich geschafft, der Arbeitstag ist um. Erschoefft falle ich auf die Wiese und liege einfach so da. Gemeinsam essen wir abend und teilen bruederlich, was wir haben.

Petr und Lucie aus Prag

Die zwei bieten mir an, mit bei ihnen im Zelt zu schlafen, doch da ich sie vor meiner Schnarcherei nach einem harten Arbeitstag schonen will, ziehe ich mein Auto als Schlafstaette vor. Es ist finster draussen, ich liege eingemummelt in meine Doppelbettdecke und sehe mir die Sterne an.
Um 6Uhr klingelt mein Wecker, doch bevor es um 7Uhr wieder mit der Arbeit losgeht, drehe ich mich noch einmal um.
Der gesammte Vormittag verlaeuft schleppend, um 12Uhr habe ich erst 22Kg Kirschen gepflueckt. Es kommt immer auch auf die Baeume an, welche man zugewiesen bekommt. In der Mittagspause gehe ich mit Petr und Lucie an einem Fluss schwimmen und wasche dabei meine Waesche. Nachmittags spannen wir Draehte auf einem Weinberg nach, damit die Reben besser wachsen koennen. Waehrend der gasamten Zeit motivieren Petr, Lucie und ich uns gegenseitig, dass wir nach getaner Arbeit einen Kaffee im 15km entfernten Bleinheim trinken gehen werden und bei der Gelegenheit endlich wieder mal unsere E-Mails checken koennen.